Am Abend sieht meine To-do-Liste immer gleich aus: oben ein paar Haken, darunter eine lange Spalte von allem, was liegengeblieben ist. Sie misst nicht, was ich geschafft habe – sie zählt, was fehlt. An guten Tagen überlese ich das. An schlechten ist sie ein tägliches kleines Scheitern in Listenform.

Genau dagegen baue ich gerade ein Werkzeug, und ich baue es offen: Ich halte fest, was funktioniert, was ich verworfen habe und was ich als Kommunikationsmensch dabei über das Arbeiten mit KI lerne. Das Werkzeug heisst Tessera, lateinisch für den einzelnen Mosaikstein.

Das Wichtigste in Kürze

Was du mitnimmst

  • Tessera macht aus jeder erledigten Aufgabe einen Mosaikstein, damit du am Abend siehst, was du geschafft hast.
  • Beim Bauen mit KI zählt die Vorbereitung: ein klarer Rahmen, ein Plan vor jeder Zeile und zwei Logbücher.
  • Die drei lehrreichsten Fehler waren Urteilsfragen: ein Grundfehler, der sich zu lange hielt, eine Fehlermeldung, die auf die falsche Stelle zeigte, und ein auffälliger Vorschlag, der einen behobenen Fehler zurückgebracht hätte.

Die Idee: das Gegenteil einer To-do-Liste

To-do-Listen zeigen, was noch fehlt. Für Menschen, die mit dem Anfangen kämpfen, sei es mit ADHS oder einfach an chaotischen Tagen, wird daraus eine endlose Liste, die mehr Druck macht als Halt gibt.

Tessera dreht die Beweislast um. Es zeigt, was du schon geschafft hast. Jede erledigte Aufgabe wird zu einem Mosaikstein, der ein persönliches Zielbild Stück für Stück in Farbe bringt. Festgehalten wird das per Sprachnachricht – auch auf Schweizerdeutsch, auch abends auf dem Sofa, auch wenn der Tag schiefging. Tippen geht ebenso; das Erfassen funktioniert sogar ganz ohne KI. Dahinter steckt ein Prinzip aus der Verhaltensaktivierung: Gelungenes sichtbar machen. Verpackt in ein Objekt, das man gern anschaut.

Ein gesetztes Teil bleibt, wo es ist. Das Bild springt nicht – es wächst.

Drei Mechaniken, drei Haltungen

Der Kern war schnell klar, die Mechanik brauchte länger. Drei Details sind mir besonders wichtig, weil sie das vermeiden, was mich an anderen Werkzeugen stört:

Das goldene Teil. Das erste Teil des Tages glänzt golden, weil das Anfangen die höchste Hürde ist und deshalb die Belohnung verdient.

Das Comeback-Teil. Wer nach einer Pause zurückkommt, bekommt dafür ein eigenes Teil. Tessera zählt weder Tages-Serien noch Lücken, weil ein verpasster Tag das Ganze nicht zerstören darf; sonst gibst du nach dem ersten Aussetzer auf.

Der Trotzdem-Modus. An miesen Tagen ist die Aufnahme selbst das Teil: ein dunkler Stein mit goldenen Adern, der Kintsugi-Idee nachempfunden, die Bruchstellen mit Gold füllt. Festzuhalten, dass es zäh war, zählt als Schritt.

Was das Bauen mit KI verlangt

Den ersten lauffähigen Prototyp baute ich an einem einzigen Tag, im Gespräch mit Claude, der KI, mit der ich auch programmiere.

Getragen hat das die Vorbereitung: ein klarer Markenleitfaden, ein sauberer Produkt-Onepager und für jede grössere Änderung erst ein Plan, den ich sehen und korrigieren konnte, bevor eine Zeile entstand. Dazu zwei Logbücher: Eines hält fest, was ich gebaut habe, das andere, wie und an welchen Sackgassen ich mich verrannt habe.

Die KI ist schnell und willig – aber sie übernimmt die Klarheit, die man ihr gibt, und ebenso die Unklarheit.

Wer je ein gutes Briefing geschrieben hat, kennt das Prinzip: Ein präzise formuliertes Vorher erspart die Improvisation danach, und mit KI gilt das genauso. Das zweite Logbuch macht diesen Artikel überhaupt möglich, weil ich nichts rekonstruieren musste und alles nachlesen konnte.

Nebenbei ist Tessera erfreulich schlicht geblieben: eine einzige Datei, kein eigener Server, kein Konto. Was du erfasst, bleibt auf dem Gerät; einzig die Sprachnotiz geht kurz zur Auswertung an den KI-Dienst und wird dort nicht abgelegt. Das drückt die Betriebskosten gegen null und beantwortet die Datenschutzfrage auf die einfachste Art: Was auf dem Gerät bleibt, kann nirgends abhandenkommen.


Was schiefging – und was sich daraus lernen lässt

Building in Public heisst auch, die Fehlentscheidungen zu zeigen. Die drei lehrreichsten waren Urteilsfragen, wie ich sie aus der Kommunikation kenne.

Eine frühe Grundentscheidung war falsch und hielt sich viel zu lange. Mein erstes Layout ordnete bei jedem neuen Stein das ganze Mosaik neu an, sodass alle Teile sprangen, obwohl das Versprechen «mein Werk bleibt stehen» lautet. Der Fehler überlebte eine ganze Bauphase, weil im Kleinen alles funktionierte. Gesehen habe ich ihn erst, als ich die Arbeitsumgebung wechselte und mit frischem Blick draufschaute.

Die Meldung zeigte auf die falsche Stelle. Eine Testperson berichtete: «Nach dem Backup ist mein Zugangsschlüssel weg.» Im Code passierte das nie; die Ursache lag in der Umgebung, in einer Eigenheit, wie das iPhone eine als App gespeicherte Website behandelt. Hätte ich der Meldung blind geglaubt, hätte ich am falschen Ende repariert. Seither halte ich zuerst die Belege gegen die Behauptung und frage dann gezielt nach.

Der auffälligste Punkt im Auftrag war der falsche. Für eine grössere Verbesserung hatte ich ein detailliertes Auftragsdokument vorbereitet, und ausgerechnet der Punkt, der am meisten hermachte, hätte genau den Fehler zurückgebracht, den ich kurz zuvor behoben hatte. Also habe ich ihn als Widerspruch markiert und weggelassen. Diese Lektion begegnet mir beim Arbeiten mit KI am häufigsten: Eine KI führt aus, was im Auftrag steht, auch das Falsche, und am überzeugendsten das, was am wichtigsten aussieht. Die Verantwortung, vorher zu prüfen, bleibt bei mir.

Was als Nächstes kommt: der Loop über Slack

Mein nächstes Ziel verlängert genau diesen Gedanken in den Arbeitsalltag. Den Grossteil des Tages bin ich in Slack – also soll Tessera dort andocken, ohne selbst zur Aufgabenliste zu werden. Die offene Liste bleibt in Slack zu Hause; Tessera ist die Ebene, auf der Erledigtes sichtbar und schön wird.

Das soll in beide Richtungen laufen: Hake ich in Slack eine Aufgabe ab, wartet beim nächsten Öffnen von Tessera der passende Mosaikstein; erzähle ich in Tessera von etwas Erledigtem, soll das System erkennen, ob es dazu schon einen Eintrag gibt, und ihn abhaken oder als erledigt anlegen. Das Kniffligste ist dieses Erkennen, und das überlasse ich der KI, weil ein stumpfer Textvergleich daran scheitert.

Gebaut ist davon noch nichts; es ist die nächste Etappe und der nächste Eintrag in diesem Logbuch.

Wo Ideen Wurzeln schlagen

Tessera ist heute ein funktionierender Prototyp, den ich selbst im Alltag nutze. Was ich jetzt suche, ist Feedback – besonders von Fachpersonen aus Psychologie, Coaching und Heilpädagogik, und von ersten Menschen, die es im Alltag ausprobieren wollen.

Wenn dich das Prinzip anspricht, schreib mir: noe@waldmann.ai.