Waldmann

Ist Code wie Strom – oder wie Warmwasser?

Hank Green hat diese Frage gestellt, und sie klingt simpler, als sie ist. Meine Antwort kommt aus der eigenen Werkstatt.

Die Werkzeuge,
die es nicht gab

Als ich anfing, eigene Werkzeuge zu bauen, konnte ich es zuerst nicht fassen: Vieles, was ich brauchte, existierte schlicht nicht. Eine Vorlese-App etwa, die einem Kind mit Lese-Rechtschreib-Schwäche – oder meinem Vater – mit einer warmen, menschlichen Stimme vorliest statt mit Roboterton. Oder eine To-do-Liste, die zeigt, was du geschafft hast, statt dich jeden Abend mit dem Fehlenden zu erschlagen.

Mein erster Gedanke war vorwurfsvoll: Was hat die IT-Welt in den letzten dreissig Jahren eigentlich gemacht? Milliarden Menschen nutzen täglich Software, und niemand hat eine Vorlese-Stimme gebaut, die ein Kind gerne hört?

Der Gedanke fühlte sich berechtigt an. Er war es nicht.

Code war Handarbeit

Er ignoriert, wie Software bis vor sehr kurzem entstanden ist: in Handarbeit. Jede Funktion, jeder Knopf und jede Fehlermeldung wurde von Menschen gebaut, die zu Recht zu den bestbezahlten Fachkräften der Welt gehören.

Wer so produziert, muss auswählen. Jede Idee musste einen Markt rechtfertigen, der diese Handarbeit bezahlt. Eine Vorlese-App für ein einzelnes Kind hat diese Rechnung nie bestanden.

Solche Ideen sind nie an der Technik gescheitert. Sie sind an der Rechnung gescheitert.

Die Nachfrage nach Software sah nur gesättigt aus, weil bloss der Teil sichtbar war, der sich Handarbeit leisten konnte.

Was sich
gerade ändert

Genau diese Rechnung kippt. Bei Google werden nach eigenen Angaben inzwischen 75 Prozent des neuen Codes von KI geschrieben und von Menschen geprüft; Anthropic, die Firma hinter Claude, nennt für sich 70 bis 90 Prozent. Wichtiger als die Prozentzahlen der Konzerne ist aber das untere Ende: Ein KI-Abo für den Preis eines Kinoabends pro Monat schreibt heute Code, der vor zwei Jahren Entwicklerwochen gekostet hätte.

Robin Sloan beschreibt die neuen Werkzeuge als Küchenmaschinen und einen gut gefüllten Lebensmittelladen für Hobby-Köchinnen und -Köche der Software. Ich kann das bestätigen: Die Vorlese-App, das Erledigt-Tagebuch und ein halbes Dutzend weiterer Werkzeuge sind in wenigen Wochen entstanden, neben der eigentlichen Arbeit, mit einem Abo.

Ich muss nicht mehr fragen, ob sich ein Werkzeug für einen Markt rechnet. Ich frage nur noch, ob es sich für eine Situation lohnt.

Die Frage, an der es sich entscheidet

Strom oder Warmwasser?

Der Warmwasser-Blick hat recht, solange man auf den sichtbaren Markt schaut. Die Welt braucht keine vierhundertste To-do-App und kein weiteres Büropaket; dort ist die Sättigung real.

Aber der sichtbare Markt war nie die ganze Nachfrage. Die Ökonomie kennt das Muster seit 1865: William Stanley Jevons beobachtete, dass effizientere Dampfmaschinen den Kohleverbrauch nicht senkten, sondern vervielfachten.

Und als Strom billig wurde, entstanden Kühlschränke, Radios und Waschmaschinen – Anwendungen, die vorher in keiner Statistik als Nachfrage auftauchten, weil niemand sie sich vorstellen konnte.

Code ist wie Strom, aber nicht, weil die Welt unendlich mehr vom Gleichen braucht. Sondern weil Software zum ersten Mal klein werden darf.

Die unsichtbare
Nachfrage

Ob Code wie Strom oder wie Warmwasser ist, hängt davon ab, was man als Nachfrage zählt. Zählt man nur, was heute gekauft wird, sieht Software gesättigt aus. Zählt man die Werkzeuge, die nie gebaut wurden, weil niemand die Handarbeit bezahlen konnte, öffnet sich ein Raum, dessen Grösse wir gerade erst erahnen.

Eine Sache wird dabei nicht billiger, und das gehört zur Ehrlichkeit dazu: das Urteil. Was gebaut werden soll, ob das Ergebnis stimmt und wer die Verantwortung für Datenschutz, Wartung und Qualität trägt, das bleibt Kopfarbeit. Billige Produktion ohne Urteil erzeugt Halden statt Werkzeuge.

Wie müsste unseres aussehen?

Wenn du in deinem Betrieb, deiner Schule oder deinem Verein eine Liste von Dingen hast, für die es «leider nichts Passendes» gibt: heb sie auf. Diese Liste ist gerade sehr wertvoll geworden.

Waldmann · Wo Ideen Wurzeln schlagen

Das hier ist die verdichtete Fassung. Den ganzen Standpunkt mit allen Quellen und Belegen liest du auf waldmann.ai. Ist Code wie Strom – oder wie Warmwasser?

Und wenn du so eine Liste hast, dann schaue ich sie mit dir an. Gespräch starten

Ein Schaufenster von Noé Waldmann, gebaut aus einem eigenen Standpunkt. Text: Noé Waldmann, 7. Juli 2026.