Hank Green hat ein neues Video draussen, und darin steckt eine Frage, die simpel klingt und es nicht ist. Code wird billig – so billig, dass sich gerade entscheidet, was Software ist. Greens Bild dafür: Ist Code wie Strom oder wie Warmwasser? Als Strom günstig wurde, hörte die Nachfrage nicht auf zu wachsen, weil jede Preissenkung Anwendungen möglich machte, an die vorher niemand gedacht hatte. Warmes Wasser wurde auch günstig. Aber wir haben deswegen nicht angefangen, zehnmal am Tag zu duschen. Irgendwann ist genug.
Mich lässt die Frage nicht los, weil ich die Antwort in den letzten Monaten am eigenen Schreibtisch erlebt habe, beim Bauen von Werkzeugen, die es längst hätte geben müssen.
Warum die Frage falsch gestellt ist
- Die Nachfrage nach Software wirkte gesättigt, weil nur der Teil sichtbar war, der teure Handarbeit bezahlen konnte.
- KI senkt den Preis einer Funktion von Entwicklertagen auf ein Monatsabo; damit rechnet sich ein Werkzeug schon für eine einzelne Situation.
- Code verhält sich darum eher wie Strom: Die neue Nachfrage kommt von kleinen, persönlichen Werkzeugen, die es bisher nicht geben konnte.
Die Werkzeuge, die es nicht gab
Als ich anfing, eigene Werkzeuge zu bauen, konnte ich es zuerst nicht fassen: Vieles, was ich brauchte, existierte nicht. Ich fand keine Vorlese-App, die einem Kind mit Lese-Rechtschreib-Schwäche oder meinem Vater mit einer warmen, menschlichen Stimme vorliest statt mit Roboterton. Ich fand keine To-do-Liste, die zeigt, was du geschafft hast, statt dich jeden Abend mit dem Fehlenden zu erschlagen. Der Nutzen solcher Werkzeuge schien mir offensichtlich.
Mein erster Gedanke war vorwurfsvoll: Was hat die IT-Welt in den letzten dreissig Jahren eigentlich gemacht? Milliarden Menschen nutzen täglich Software – und niemand hat eine Vorlese-Stimme gebaut, die ein Kind gerne hört? Der Gedanke fühlte sich berechtigt an. Er war es nicht.
Code war Handarbeit
Denn dieser Vorwurf ignoriert, wie Software bis vor kurzem entstanden ist: in Handarbeit. Jede Funktion und jede Fehlermeldung haben Menschen gebaut, die zu Recht zu den bestbezahlten Fachkräften der Welt gehören. Wer so produziert, muss auswählen. Darum musste jede Idee einen Markt rechtfertigen, der diese Handarbeit bezahlt. Eine Vorlese-App für ein einzelnes Kind hat das nie geschafft, ein Erledigt-Tagebuch für eine einzige Person auch nicht. Die Technik dafür gab es längst, nur die Rechnung ging nicht auf.
Der Befund ist nicht neu. Clay Shirky beschrieb schon 2004 «Situated Software»: Software für eine konkrete Situation und eine konkrete Gruppe – zwanzig Nutzende statt zwanzig Millionen. Robin Sloan formulierte 2020, eine App könne wie eine selbst gekochte Mahlzeit sein: gebaut für die eigene Familie, nicht für einen Markt. Beide beschrieben eine Ausnahme, ein Kuriosum für Leute, die zufällig programmieren konnten. Die Idee war längst da. Was fehlte, war die Küche.
Ich muss nicht mehr fragen, ob sich ein Werkzeug für einen Markt rechnet. Ich frage nur noch, ob es sich für eine Situation lohnt.
Was sich gerade ändert
Genau diese Rechnung kippt. Bei Google werden nach eigenen Angaben inzwischen 75 Prozent des neuen Codes von KI geschrieben und von Menschen geprüft; Anthropic, die Firma hinter Claude, nennt für sich 70 bis 90 Prozent. Wichtiger als die Prozentzahlen der Konzerne ist aber das untere Ende: Mit einem KI-Abo für den Preis eines Kinoabends pro Monat schreibe ich heute Code, der vor zwei Jahren Entwicklerwochen gekostet hätte.
Robin Sloan hat Anfang 2025 Bilanz gezogen: Für Hobby-Köchinnen und -Köche der Software seien die KI-Werkzeuge wie Küchenmaschinen und ein gut gefüllter Lebensmittelladen. Ich kann das bestätigen. Die Vorlese-App, das Erledigt-Tagebuch und ein halbes Dutzend weiterer Werkzeuge sind in wenigen Wochen entstanden – neben der eigentlichen Arbeit, mit einem Abo. Ich muss nicht mehr fragen, ob sich ein Werkzeug für einen Markt rechnet. Ich frage nur noch, ob es sich für eine Situation lohnt.
Strom oder Warmwasser?
Der Warmwasser-Blick hat recht, solange man auf den sichtbaren Markt schaut: Die Welt braucht keine vierhundertste To-do-App und kein weiteres Büropaket. Aber der sichtbare Markt war nie die ganze Nachfrage. Dieses Muster ist seit 1865 bekannt, als William Stanley Jevons beobachtete, dass effizientere Dampfmaschinen den Kohleverbrauch nicht senkten, sondern vervielfachten – das Jevons-Paradoxon. Und als Strom billig wurde, entstanden Kühlschränke, Radios und Waschmaschinen, also Anwendungen, die vorher in keiner Statistik als «Nachfrage» auftauchten, weil niemand sie sich vorstellen konnte.
Meine Antwort auf Greens Frage lautet darum: Code ist wie Strom – aber nicht, weil die Welt unendlich mehr vom Gleichen braucht, sondern weil Software zum ersten Mal klein werden darf. Dann entsteht ein Werkzeug pro Klasse, pro Verein, pro Familie, pro Betrieb. Jedes einzelne davon hätte nie einen Businessplan überlebt, und zusammen verändern sie mehr als das nächste grosse Produkt.
Eine Sache wird dabei nicht billiger: das Urteil. Was gebaut werden soll, ob das Ergebnis stimmt, wer die Verantwortung für Datenschutz, Wartung und Qualität trägt, das bleibt Kopfarbeit. Billige Produktion ohne Urteil erzeugt Halden, keine Werkzeuge. Die Hausmannskost ersetzt das Restaurant nicht – aber sie ernährt die, für die nie jemand gekocht hat.
Die unsichtbare Nachfrage
Ob Code wie Strom oder wie Warmwasser ist, hängt davon ab, was man als Nachfrage zählt. Zählt man nur, was heute gekauft wird, sieht Software gesättigt aus. Zählt man die Werkzeuge, die nie gebaut wurden, weil niemand die Handarbeit bezahlen konnte, dann fängt die Nachfrage gerade erst an. Meine fehlenden Werkzeuge waren nur die, die mir aufgefallen sind.
Die Frage «Gibt es dafür ein Werkzeug?» verliert damit ihren Schrecken, und an ihre Stelle tritt eine neue: «Wie müsste unseres aussehen?» Wenn du in deinem Betrieb, deiner Schule oder deinem Verein eine Liste von Dingen hast, für die es «leider nichts Passendes» gibt, dann heb sie auf. Vieles darauf ist heute ein Abo und ein paar Abende entfernt.